A column in a Viennese daily on Austrian German: a standard language in its own right, or a dialect? Watch the verbs that work like modal verbs: pflegen, scheinen, drohen and nicht brauchen + zu.
„Ein Sackerl, bitte!“ – Wer diesen Satz an einer Supermarktkassa in Hamburg sagt, erntet bestenfalls einen fragenden Blick. In Wien dagegen würde kaum jemand nach einer „Tüte“ verlangen. Und die Frage, ob man „Servus“, „Grüß Gott“ oder „Hallo“ sagt, verrät mehr über Herkunft und Situation, als man denkt. Solche Unterschiede pflegen Österreicherinnen und Österreicher mit einer Mischung aus Stolz und Selbstironie zu kommentieren. Doch hinter den kleinen Alltagswörtern verbirgt sich eine größere Frage: Ist das österreichische Deutsch bloß ein Dialekt – oder eine eigenständige Standardsprache?
What is a „Sackerl“?
A (shopping) bag A sock A small sack of potatoes
Die Sprachwissenschaft hat darauf eine klare Antwort. Deutsch gilt als plurizentrische Sprache, also als eine Sprache mit mehreren gleichberechtigten Zentren und Standardvarietäten. Das deutsche, das österreichische und das Schweizer Hochdeutsch sind demnach gleichwertige Formen derselben Sprache, ähnlich wie das britische und das amerikanische Englisch. In der Schweiz fällt etwa auf, dass der Buchstabe ß gar nicht verwendet wird. Österreich verfügt seit 1951 sogar über ein eigenes amtliches Wörterbuch, das Österreichische Wörterbuch, das in den Schulen verbindlich ist.
What does „plurizentrische Sprache“ mean?
A language with several equal standard varieties A language with only dialects A language spoken in the middle of Europe
Die Unterschiede betreffen vor allem den Wortschatz. Österreicher essen Erdäpfel statt Kartoffeln, Topfen statt Quark und Schlagobers statt Sahne; sie gehen über die Stiege statt über die Treppe, und das Jahr beginnt bei ihnen mit dem Jänner. Beim Beitritt zur Europäischen Union 1995 setzte Österreich sogar durch, dass dreiundzwanzig typisch österreichische Lebensmittelbezeichnungen in einem eigenen Protokoll gleichberechtigt neben den bundesdeutschen Begriffen anerkannt werden – darunter Paradeiser, Marillen und Karfiol.
What did Austria achieve when it joined the EU?
23 Austrian food words were recognised alongside the German ones German became an official EU language Austrian spelling became the norm
Auch Grammatik und Aussprache weisen Besonderheiten auf. In Österreich sagt man „ich bin gesessen“ statt „ich habe gesessen“, „das Cola“ statt „die Cola“ und betont „Kaffee“ häufig auf der zweiten Silbe. Typisch sind außerdem Verkleinerungsformen auf -erl wie Sackerl, Packerl oder Stamperl. Viele dieser Formen werden in Deutschland fälschlicherweise für Dialekt gehalten, obwohl sie in Österreich zur Standardsprache gehören und in Zeitungen, Nachrichten und Behördenbriefen ganz selbstverständlich verwendet werden.
What is said about forms like „ich bin gesessen“?
They're standard in Austria, though often taken for dialect in Germany They are mistakes They're only used in Vienna
Dennoch scheint das österreichische Deutsch unter Druck zu geraten. Sprachforscherinnen beobachten, dass vor allem Kinder und Jugendliche immer häufiger bundesdeutsche Ausdrücke verwenden. Der Grund dürfte im Medienkonsum liegen: Zeichentrickserien, Streamingangebote und Videoplattformen stammen überwiegend aus Deutschland oder werden dort synchronisiert. So kommt es, dass Wiener Volksschulkinder plötzlich „Tschüss“ statt „Baba“ sagen und an der Kassa nach einer „Tüte“ fragen – zur Verwunderung ihrer Großeltern. Manche Eltern scheinen das gelassen zu nehmen, andere sorgen sich um die sprachliche Identität ihrer Kinder.
Why do Viennese children use more and more German expressions?
Because of media and streaming, mostly from Germany Because their teachers are German Because of German grandparents
Droht das österreichische Deutsch also zu verschwinden? Die meisten Fachleute geben Entwarnung. Sprachen haben sich schon immer gegenseitig beeinflusst, und die österreichische Varietät hat zahlreiche frühere Wellen von Einflüssen überstanden. Zudem wächst das Bewusstsein für die eigene Sprache: Lehrkräfte thematisieren die Unterschiede im Unterricht, österreichische Verlage legen Wert auf heimische Begriffe, und in sozialen Netzwerken werden typisch österreichische Wörter mit sichtlichem Vergnügen gefeiert. Nicht zuletzt pflegen viele Familien ihre Mundart bewusst an die Kinder weiterzugeben.
Für Deutschlernende ergibt sich daraus eine einfache Empfehlung: Wer in Österreich lebt, braucht sich nicht zu entscheiden. Beide Varietäten sind korrekt, und wer die österreichischen Wörter verwendet, zeigt vor allem eines – dass er angekommen ist. Wer also beim nächsten Einkauf am Naschmarkt ein Kilo Marillen und zwei Paradeiser verlangt, darf mit einem anerkennenden Lächeln rechnen. Und mit einem Sackerl, ganz ohne fragenden Blick.
What does the column recommend to learners living in Austria?
They need not choose; both varieties are correct To use only German standard words To learn the Viennese dialect first