An essay from a Viennese weekly: why the advice of Aristotle and Cicero still works in meetings and job interviews. Notice how the text holds together: dies, hierbei, Ersteres, Letzteres, demgegenüber.
Ob im Hörsaal, im Besprechungsraum oder beim Vorstellungsgespräch: Wer überzeugen will, muss reden können. Das klingt nach einer modernen Erkenntnis aus Karriereratgebern, ist aber mehr als zweitausend Jahre alt. Bereits in der Antike galt die Redekunst als eine der wichtigsten Fähigkeiten freier Bürger. Erstaunlich ist, wie wenig von dem, was damals gelehrt wurde, an Gültigkeit verloren hat. Dies zeigt ein Blick auf zwei der einflussreichsten Theoretiker der Rhetorik: Aristoteles und Cicero.
How old is the idea that convincing people requires speaking skills?
More than two thousand years About a hundred years It comes from modern career guides
Aristoteles unterschied drei Mittel, mit denen ein Redner sein Publikum überzeugen kann. Das erste nannte er Ethos: die Glaubwürdigkeit des Sprechers. Das zweite, Pathos, zielt auf die Gefühle der Zuhörenden. Das dritte, Logos, bezeichnet die Kraft der Argumente selbst. Entscheidend ist hierbei, dass keines dieser Mittel allein genügt. Wer nur an Gefühle appelliert, wirkt manipulativ; wer nur argumentiert, erreicht zwar den Verstand, aber selten das Herz. Aristoteles selbst hielt übrigens das Ethos für das wirkungsvollste der drei Mittel.
What is ethos?
The speaker's credibility The listeners' feelings The strength of the arguments
Wie wichtig das Zusammenspiel ist, lässt sich an einem alltäglichen Beispiel verdeutlichen. Angenommen, eine Projektleiterin möchte ihre Geschäftsführung von einer neuen Software überzeugen. Ihre Glaubwürdigkeit gewinnt sie durch Fachwissen und Erfahrung. Ihre Argumente liefern Zahlen zu Kosten und Zeitersparnis. Und emotional erreicht sie ihr Publikum, indem sie schildert, wie viel Frust die alte Lösung den Mitarbeitenden täglich bereitet. Erst diese Verbindung macht ihren Vortrag überzeugend. Fehlt eines der drei Elemente, verliert er spürbar an Wirkung.
How does the project manager in the example reach her audience emotionally?
She describes the daily frustration the old software causes She shows figures She mentions her experience
Cicero, der berühmteste Redner Roms, ergänzte diese Überlegungen um eine praktische Anleitung. Er gliederte die Arbeit an einer Rede in fünf Schritte: das Finden der Gedanken, ihre Anordnung, die sprachliche Gestaltung, das Einprägen und schließlich den Vortrag selbst. Ersteres verlangt gründliche Recherche, Letzteres Übung und Präsenz. Dazwischen liegt die vielleicht unterschätzteste Aufgabe: die Ordnung der Gedanken. Ein Vortrag ohne klare Struktur gleicht einem Haus ohne Grundriss. Dies gilt umso mehr, als Zuhörende im Gegensatz zu Lesenden nicht zurückblättern können.
Which step is perhaps the most underestimated?
Putting the thoughts in order Research Delivery
Für das Einprägen empfahlen antike Lehrer eine Technik, die bis heute verwendet wird. Der Redner stellt sich ein vertrautes Gebäude vor und legt in Gedanken an jedem Ort einen Teil seiner Rede ab – das Thema im Eingang, das erste Argument im Flur, das zweite in der Küche. Während der Rede geht er im Geist durch das Gebäude und findet so jeden Gedanken an seinem Platz wieder. Diese Methode der Orte nutzen Gedächtniskünstler heute noch bei Wettbewerben.
How does the method of loci work?
You place parts of the speech in the rooms of a familiar building in your mind You write notes on cards You repeat the speech a hundred times
Demgegenüber hat sich die Situation der Redenden in einem Punkt grundlegend verändert. In der Antike sprach man meist ohne Hilfsmittel vor einer anwesenden Menge. Heute begleiten Präsentationsfolien fast jeden Vortrag – und werden nicht selten zum Problem. Wer seine Folien mit Text überlädt, zwingt das Publikum, gleichzeitig zu lesen und zuzuhören. Dies überfordert die meisten. Antike Lehrer hätten vermutlich geraten, die Folie als Bühnenbild zu verstehen, nicht als Manuskript. Ein Bild, eine Zahl oder ein einzelner Satz genügen oft.
How should slides be understood, according to the essay?
As a stage set, not as a script As the main part of the talk As a handout
Was folgt daraus für die Praxis? Zunächst, dass Vorbereitung mehr ist als das Zusammenstellen von Inhalten. Wer überzeugen will, sollte sich fragen, wer zuhört, was diese Menschen bereits wissen und wovon sie überzeugt werden sollen. Zweitens, dass Struktur kein Selbstzweck ist: Sie hilft dem Publikum, dem Gedankengang zu folgen. Drittens schließlich, dass auch die beste Rede nichts nützt, wenn sie schlecht vorgetragen wird. Hierin liegt vielleicht die wichtigste Lehre der Antike: Rhetorik ist kein Talent, sondern ein Handwerk – und ein Handwerk lässt sich lernen.